Das Flug-Wunder „Schütte-Lanz“ elektrisiert alle

Mannheims versierte Antwort auf den Zeppelin fundiert die Luftschifftechnik
Prof.Schuette

Das Luftschiff Schütte-Lanz  war konsequent stromlinienförmig. Es war leicht, hatte optimale Steuerungseigenschaften. Kurz: Das Luftschiff war technisch absolut auf der Höhe der Zeit. Gebaut wurde der Riese der Lüfte in Mannheim, und der Prototyp SL 1 trat seine erste Fahrt von Rheinau aus an, genau am 17.10.1911. Bis 1918 wurden dann noch 21 Schütte-Lanz-Luftschiffe gebaut. Damit war das Mannheimer Luftschiff die stärkste Konkurrenz des Zeppelin.

Den Impuls zum Bau gab ein weniger rühmliches Ereignis: der Absturz des Zeppelin LZ 4 in Echterdingen bei Stuttgart im August 1908. Das Luftschiff, das sich auf Fahrt von Friedrichshafen nach Mainz befand, wurde nach einer Notlandung bei Echterdingen von einer Sturmböe erfasst und zerschellte an einem Baum. Das Aus für den Luftschiffbau bedeutete das nicht. Ganz im Gegenteil. Die Luft-Touren des Zeppelin seit 1900 hatten die Bevölkerung begeistert, so kam es zu spontanen Sympathiebekundungen und gewaltiger Spendierfreude.
Das Luftschiff Schütte-Lanz am Himmel über Mannheim

Auf „Echterdingen“ reagierte unmittelbar auch ein junger Schiffbauingenieur und Professor der Technischen Hochschule Danzig. Johann Schütte hatte bereits seit längerem die Entwicklungen des Grafen von Zeppelin verfolgt. Der in Osterburg bei Oldenburg 1873 geborene Johann Schütte studierte von 1892 bis 1898 Schiffbautechnik in Berlin, war danach beim Norddeutschen Lloyd tätig. Dort beschäftigte er sich intensiv mit Hydrodynamik, Fragen nach dem Zusammenhang von Geschwindigkeit und Widerstand – der Bauweise von Schiffen. Seine neuartigen Erkenntnisse übertrug er auf den Luftschiffbau.
Das Luftschiff Schütte-Lanz über dem Rhein

Neun Tage nach der Luftschiff-Havarie reichte Schütte bereits Verbesserungsvorschläge beim Reichsamt des Inneren ein, schrieb zudem an den Zeppelin-Konstrukteur Theodor Kober. Ohne Resonanz. Dorothea Haaland zitiert Schütte in ihrer Veröffentlichung „Der Luftschiffbau Schütte-Lanz – Mannheim-Rheinau“: „Nachdem ich aufgrund der Lektüre über die gegenwärtig vorhandenen lenkbaren Luftschiffe gesehen habe, daß an allen Ecken und Kanten die elementarsten Fehler gemacht sind, beabsichtige ich, selber ein Luftschiff zu bauen“.
Das Luftschiff Schütte-Lanz vor der Halle in Mannheim Rheinau

Ein leidenschaftlicher Liebhaber und großzügiger Förderer der Luftfahrttechnik war Karl Lanz, Sohn des großen Mannheimer Industriellen Heinrich Lanz – Europas führender Wegbereiter der Landwirtschaftstechnik. Bekanntlich war auch die aufblühende Industrie- und Handelsmetropole Mannheim entflammt für technische Innovationen. Moderne Mobilität nahm hier ihren Anfang, hatte doch Carl Benz mitten in den Quadraten das erste fahrtüchtige Automobil entwickelt und gelenkt. War es da nicht nahe liegend, dass von hier aus auch der Luftschiffbau Furore machte. Die überaus durchdachte Konstruktion des Oldenburgers überzeugte den Mannheimer Geschäftsmann. Anfang 1909 trat man in Verhandlungen. Am 22. April 1909 gründeten Johann Schütte, August Röchling und Karl Lanz die Firma „Luftschiffbau Schütte-Lanz OHG“. Mit einer Einlage von 350.000 Mark, später wurde auf 2 Millionen aufgestockt.

In Rheinau, auf einem 101 Hektar großen Gelände, erhob sich bald eine mächtige Montagehalle. Zwischen 1910 und 1911 nahm SL 1 wohl durchdachte Konturen an: 131 Meter lang war es, hatte einen größten Durchmesser von 18,4 Meter, ein Gasvolumen von fast 20.000 Kubikmetern. „Erfinden musste er das Starrluftschiff bekanntlich nicht“, bemerkt Sebastian Wentzler in der Arbeit „Die Schütte-Lanz-Innovation“; die Idee hatte es vor Zeppelin bereits gegeben. Das definierte Ziel von Schütte-Lanz: wissenschaftlich fundierte Entwicklung, mehr Leistungsfähigkeit und dadurch ein Optimum an Sicherheit.

Leicht sollte es sein, das Gerippe, elastisch und gut zu reparieren. So wurde SL 1 aus verleimtem Sperrholz gebaut, im Gegensatz zur Leichtmetallbauweise des Zeppelin. Die Längsträger liefen schraubenförmig um den Rumpf. Seine Form was konsequent aerodynamisch, also stromlinienförmig. Die beiden Motoren – angebracht unter dem Schiffskörper – brachten 480 PS, das Schiff fuhr rund 72 Kilometer in der Stunde. Die erste Fahrt am 17.10.1911 verlief jedoch nicht ganz nach Plan. Nach dem Start kreiste das Luftschiff über der Rheinau, entschwand dann den Blicken. – Es war in Waldsee bei Speyer auf freiem Feld notgelandet. Der Grund: Ein Seilzug des Höhenleitwerkes war gerissen. Ansonsten war SL 1 unbeschädigt und konnte umgehend repariert werden. Das Schiff machte danach in einem Jahr 53 Probefahrten, wurde für 550.000 Mark an das Heer verkauft.

Auch der Nachfolger, gebaut von 1912 bis 1913, hatte ein Sperrholzgerüst. Zudem führten die Erfahrungen mit dem Prototypen zu weiteren erheblichen Verbesserungen: Führer- und Motorgondel wurden getrennt, ein kielartiger Laufgang stabilisierte das Schiff im Innern, die modernen Leit- und Ruderflächen wurden verbessert. SL 2 war derart erfolgreich, dass es zum Standard für alle späteren Luftschiffbauten des In- und Auslandes wurde. Bei so viel schöpferischer und bahnbrechender Technik sollte doch eines nicht vergessen werden: Mit welch aufrichtiger Freude die Bürger die fliegenden Riesen begrüßten. Ein junger Zeitzeuge erzählt: „Wir Mannheimer waren mächtig stolz auf den Zeppelin-Konkurrenten, und wenn die Riesenzigarre während des Unterrichts lieblich schaukelnd über den Dächern der Stadt kreuzte, riß es uns – Disziplin hin, Strafe her – wendehalsig und jubelnd von den Bänken an die hohen und breiten Fenster der Penne, denn das Wunder „Schütte-Lanz“ elektrisierte uns weit mehr als Mathematik und lateinische Grammatik.“