Politik & Verwaltung - 18.11.2018

Rede von OB Dr. Kurz zum Volkstrauertag

Wir haben uns hier versammelt, um der Opfer der beiden Weltkriege, den Opfern von Krieg, Gewalt und Völkermord, von Vertreibung, Unterdrückung und Terror zu gedenken.
Erinnerung und Gedenken verstehen wir als Mahnung und als Ausgangspunkt sowie Teil von Versöhnung.

Der Volkstrauertag 2018 hat eine besondere Aktualität, da die Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs ihn in besonderer Weise prägt und die Vorphase des Ersten Weltkrieg in jüngerer Zeit immer wieder in Bezug genommen wird, wenn die aktuelle weltpoli-tische Entwicklung beschrieben wird. Wenn wir die Mahnung als Aufforderung zu Reflexion und zum Handeln begreifen, dann nicht nur gewendet an die Regierungen und entscheidende Akteure in-ternationaler Politik. Sie ist Aufforderung zu Reflexion und Handeln für uns persönlich.

Wenn wir 1914 betrachten, dann sind wir irritiert über die Kriegsbegeisterung, über die mangelnde Reflexion und Ahnung der meisten, was kommen wird.
Diese Kriegsbegeisterung sollte uns einen Hinweis geben auf die Bedeutung der Rolle der einzelnen, weil nicht allein die Regierungen in den Abgrund taumelten.
 Selbst die Mahner, diejenigen, die sich gegen den Krieg stemmten und versuchten ihn noch abzuwenden, wie der Mannheimer Reichstagsabgeordnete Ludwig Frank, der noch kurz vor Kriegsausbruch an einer Friedenskonferenz mit deutschen und französi-schen Sozialisten teilnahm, ließen sich am Ende in die nationale Pflicht nehmen, wie sie sie empfanden. Ludwig Frank wurde als Kriegsfreiwilliger am 3.September 1918 eines der ersten Opfer des Krieges.

Wahrscheinlich hatten nicht einmal die Kriegsgegner die Dimension des Schreckens erahnt, der entfesselt wurde.

Andere Nationen nennen ihn den Großen Krieg, während er in Deutschland im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg wenig erinnert wird. Dabei ist er tatsächlich die „Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts“ wie George F. Kennan es formuliert hat.

Mehr als 65 Millionen Soldaten wurden mobilisiert, über 20 Millionen militärische und zivile Opfer und 21 Millionen Verwundete waren zu beklagen. Im Deutschen Reich leisteten über 13 Millionen Männer Militärdienst, rund zwei Millionen starben. Eine derartige Militarisierung ganzer Völker hatte die moderne Welt noch nicht gesehen.
Das Wort Kriegstrauma war noch nicht bekannt, das Trauma war jedoch eine Massen- und damit eine kollektive Erfahrung.  In den vier Kriegsjahren hatte Mannheim insgesamt 6.239 Gefallene zu beklagen.

16.300 Menschen, d.h. 7% der Einwohner starben durch Unterer-nährung und Pandemien. Insgesamt gab es mehr Opfer als im zweiten Weltkrieg zu beklagen. In Mannheim gab es 30 Lazarette, die meist in Schulen oder in öffentlichen Gebäuden vom Roten Kreuz eingerichtet wurden. Invalide und amputierte Soldaten prägten zunehmend das Stadtbild. Die Bilder von Otto Dix und George Grosz zeigen weniger Verzerrung als wir als Nachgeborene ihnen zuschreiben.

Im damaligen Deutschland waren alle direkt oder indirekt betroffen. Die Kriegserfahrungen hatten Massen von Soldaten traumatisiert und viele von Ihnen brutalisiert,
Am 9.November 1918 wurde eine Republik begründet, die eine Chance bot für die Etablierung eines dauerhaften Friedens: die ers-te Demokratie auf deutschem Boden.
Sie hat nicht überlebt und der Keim ihres Scheiterns war ihr mitge-geben. Ihr Scheitern bereitete nicht nur den Weg zur Diktatur, son-dern zwangsläufig zum 2.Weltkrieg und zum Völkermord.

Die Bewahrung von Demokratie und Rechtsstaat hätte nach allen historischen Erfahrungen, aber auch mit Blick auf Kants Überlegungen zum ewigen Frieden uns vor der großen Katastrophe unseres Volkes bewahrt.

Und auch der Gedanke einer weiteren Frieden sichernden Struktur ist wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck dieser Erfahrungen formuliert wurden: die Idee einer Europäischen Vereinigung und der vereinigten Staaten von Europa.

Beide - Demokratie und Rechtsstaat und Ihr untrennbarer Zusam-menhang einerseits und ein institutionalisiertes Europa andererseits - sind heute weit stärker in Frage gestellt als jemals in den letzten 50 Jahren. Ihre friedenserhaltende Dimension muss an einem solchen Tag, an dem wir den Opfern der Kriege gedenken, erinnert werden. Auf ihre Erhaltung richtet sich die einfachste persönliche Haltung und Konsequenz aus der angesprochenen Mahnung und Erinnerung.

Der Keim der Zerstörung der Weimarer Republik liegt im Ersten Weltkrieg, den Traumata, der Verrohung und seiner mangelnden Aufarbeitung. Die militärische Niederlage des Kaiserreichs mussten die Demokraten vertraglich besiegeln. Die Erzählung, das Narrativ des angeblichen Verrats am Volk war begründet. Matthias Erzberger reiste zu den Waffenstillstandsverhandlungen. 1921 wurde er ermordet von Freikorps-Soldaten der Organisation Consul.

Freikorps, die die Republik in strategischer Fehleinschätzung zu ih-rer Verteidigung rief, waren es auch, die Repräsentanten der Münchner Räterepublik 1919 wie den Literaten und Pazifisten Gustav Landauer viehisch ermordeten und von Beginn an die Republik bekämpften. Biografien wie des in Mannheim aufgewachsenen Rudolf Höß sind ohne den Ersten Weltkrieg und die Freikorps nicht zu verstehen.

Auch an der Geschichte des Volkstrauertags selbst können wir die verheerende Entwicklung nachvollziehen.
1919 wurde der Volkstrauertag vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges im Sinne eines mahnenden und das Volk zusammenführenden Gedenkens vorgeschlagen. So hat er sich in der Weimarer Republik aber nie etabliert. Nach Gedenkstunden im Reichstag ab 1922 wurde er erstmals am 1.März 1925 allgemein begangen.

Der Gedanke, das Volk in einer geneinsam getragenen Erinnerung zusammenzuführen, hat sich nicht realisiert. Schnell lag die Betonung auf dem Gedenken an die Opferbereitschaft für die Nation. Der Volkstrauertag wurde zu antidemokratischem Heldengedenken und offen republikfeindlichen Reden genutzt.

Umgekehrt entsprach eine ausschließliche Inanspruchnahme aller Gefallenen für den Friedensgedanken nicht den Biografien und Haltungen vieler Gefallener und ihrer Angehörigen. Eine Zusammenführung in Trauer gelang so nicht. Der Volkstrauertag geriet eher zu einer Manifestation der Spaltung.
Ich spreche diese Erfahrung an, weil ich heute auf zwei Veranstaltungen spreche, deren Differenz glücklicherweise nicht zwischen Demokraten und Nichtdemokraten, sondern in ihrer Haltung zum Militärischen und dem Blick auf diese Geschichte des Volkstrauertags liegt. Dem Ursprungsgedanken des Volkstrauertags werden wir aber so nicht gerecht und dieser hat gerade jetzt eine besonde-re Aktualität und wir sollten unter dem Eindruck der letzten Jahre dies vielleicht noch einmal gemeinsam besprechen.
Es geht um die Frage, ob auf Basis eines die Grundwerte umfas-senden Minimalkonsenses auch Widersprüchliches, Gegeneinanderstehendes nebeneinander ausgehalten werden kann.

Das zu können, ist die Voraussetzung für stabile Gesellschaften.Das stärkt inneren Frieden.

Und um noch einmal auf Kant Bezug zu nehmen: Krieg erklärt sich aus der inneren Verfasstheit.

Innerer Frieden sichert auch den äußeren Frieden.

Im Sinne der Mahnung dieses Tages können wir also alle unmittelbar wirksam werden, und die Einigkeit in Recht und Freiheit betonen.
Die Grausamkeit des Krieges, die Leiden der Opfer nicht vergessen, heißt auch, unsere Gegenwart wahrzunehmen und empfänglich zu sein für das durch Krieg und Gewalt erzeugte Leid und die Errungenschaften von Demokratie und Frieden in Europa wertzuschätzen.

Ein gesetzlicher Volkstrauertag  heute basiert auf der Vorstellung, dass sich ein Volk durch die gemeinsame Geschichte und Annahme dieser Geschichte beschreibt und dass auf dieser Basis, gemeinsam  um die Opfer von - von allen so empfundenen - Katastrophen von Krieg, Völkermord und Terror getrauert wird.
Auch daran wollen wir heute erinnern.

Ich danke Ihnen.

 

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