Bildung & Wissenschaft - 11.07.2018

Praxishandbuch „Individuelle Sprachbegleitung“

"Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren“, lautet das Leitziel des bundesweiten Programms Ein Quadratkilometer Bildung, das zum Ziel hat, Bildungschancen zu verbessern und durch den Aufbau lokaler Bildungsnetzwerke auf gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen hinzuwirken. In Mannheim wurde das Programm gemeinsam von der Freudenberg Stiftung, der Stadt Mannheim und dem Staatlichen Schulamt Mannheim initiiert. Es umfasst die Neckarstadt West und startete im Oktober 2009 mit der Eröffnung der Pädagogischen Werkstatt, die ihr Büro in der Humboldt-Grundschule als Schlüsselschule hat. Deren Team vernetzt unterschiedliche Akteure aus Bildungseinrichtungen vor Ort und entwickelt gemeinsam mit ihnen konkrete Praxislösungen.

Ein solches Projekt, das zunächst 2010/11 an zwei kommunalen Kindertagesstätten - Kinderhaus Kleine Riedstraße und Kinderhaus Neckarstadt-West - angeboten wurde und inzwischen von sieben Kitas in der Neckarstadt-West in Anspruch genommen wird, ist die „Individuelle Sprachbegleitung“. Es ist in enger Kooperation der Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen, und der Pädagogischen Werkstatt entstanden.

Sprachstandserhebungen der zurückliegenden Jahre hatten gezeigt, dass viele Kinder in der Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen trotz umfassender Sprachförderangebote in den Kitas weiterhin einen erhöhten Unterstützungsbedarf in Deutsch aufweisen. Mit dem Pilotprojekt wurde eine flexible, auf die individuellen Bildungsbedürfnisse des Kindes angepasste Angebotsstruktur geschaffen: Während des zweisemestrigen Projektstudiums des Lehrformats „Lern- und Forschungswerkstatt II“ der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Mannheim engagieren sich Studierende wöchentlich zwei Stunden als Sprachbegleiter/-innen in den sieben Kitas im Einzugsgebiet der Humboldt-Grundschule. Sie unterstützen in einer Eins-zu-Eins-Lernsituation individuell die Sprachbildung eines Kindes, das verstärkt Sprachanregungen braucht.

Fünf dieser Sprachbegleiterinnen, Eva Kirchner, Mariella Klein, Claudia Moritz, Jasmin Pohlmann, Ann-Kristin Risser, haben nun ihre Erfahrungen, die sie in Seminararbeiten beschrieben haben, zu einem Handbuch für die Praxis zusammengefasst. Es vermittelt Informationen und Lernprozesse aus der Praxis, die zukünftigen individuellen Sprachbegleitern/-innen als Leitfaden zur Orientierung dienen sollen. In einem Pressegespräch wurde heute das „Handbuch für Sprachbegleiter/-innen“ offiziell vorgestellt.

 

Aus der Praxis für die Praxis

Mit dem Handbuch geben die Autorinnen einen Einblick in die Vielfalt der in dem Projekt enthaltenen Lernchancen, Herausforderungen und Aktivitäten. Es war ihnen wichtig, ihre Erfahrungen nachfolgenden Generationen von Studierenden in gebündelter Form weiter zu geben: Aus der Praxis für die Praxis.

„Mehr als hundert Kinder haben schon von diesem hochgradig individualisierten Förderansatz des Projektes ‚Individuelle Sprachbegleitung‘ profitiert. Kinder, die schwiegen, begannen zu sprechen. Kinder, die sich in die eigene Welt einer Fantasiesprache zurückgezogen hatten, kehrten zurück in die Gemeinschaft“, erläuterte Professorin Dr. Marion Baldus, Fakultät für Sozialwesen, Hochschule Mannheim, die die Studierenden betreut, den Erfolg des Projekts für Kinder, aber auch die Sprachbegleiter/-innen. „Studierende können sich in dem Projekt in der Kunst des Beziehungsaufbaus üben. Sie erfahren, dass eine qualitativ hochwertige Beziehung zum zentralen Motor des Spracherwerbs und der Persönlichkeitsentfaltung des von ihnen begleiteten Kindes wird. Sie lernen, Kinder in ihrem Verhalten sehr feinsinnig zu beobachten und zu erspüren, welche Unterstützung sie benötigen, um den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung zu gehen, wo Blockaden liegen und wodurch sie aufgelöst werden können“, beschrieb die Professorin die Vorzüge.

Die Bildungsbürgermeisterin der Stadt, Dr. Ulrike Freundlieb, betonte: „Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder und Jugendlichen in Mannheim zu schaffen, ist ein grundlegendes strategisches Ziel der Stadt. Das bedeutet, dass jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft und den Bedingungen, in denen es aufgewachsen ist, die gleichen Chancen auf Bildung erhält. Wir möchten die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufheben. Und Sprache ist der Baustein zu gelungener Integration. Daher sollte jedes Kind in seinen individuellen Fähigkeiten gefördert werden. Das Projekt der ‚Individuellen Sprachbegleitung‘ setzt diesen Ansatz beispielhaft um“, so Freundlieb

Das Projekt als ein Praxisbaustein im Programm Ein Quadratkilometer Bildung – einer biographiebegleitenden Lern- und Entwicklungsplattform in der Neckarstadt-West - habe sich bewährt, resümierte der Geschäftsführer der Freudenberg Stiftung, Sascha Wenzel. „Denn Bildungserfolg liegt auf der unmittelbaren Ebene und wird nur kommunal sichtbar. Wenn es uns gelingt, den Sozialraum als unmittelbares Lernumfeld des Kindes zu aktivieren und die wichtigsten Kräfte hier zu bündeln, haben wir viel erreicht“, hob Wenzel hervor.

Weitere Informationen zu Ein Quadratkilometer Bildung und der Individuellen Sprachbegleitung finden sich unter: http://www.ein-quadratkilometer-bildung.eu/wo/mannheim. Das „Praxishandbuch Individuelle Sprachbegleitung“ steht auf der Internetseite der Stadt Mannheim hier zum Anschauen und Herunterladen bereit:

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