Umwelt & Verkehr - 08.10.2019

„Modellstadt Mannheim“ – Zwischenbilanz

Nachdem die Stadt Mannheim vom Bund zur Modellstadt für die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zur Stickstoffdioxid-Reduktion ausgewählt wurde, fiel Anfang dieses Jahres der Startschuss für die Umsetzung einer Vielzahl von Maßnahmen im ÖPNV. Nun haben die Projektverantwortlichen eine Zwischenbilanz gezogen.

„Die wichtigsten Erkenntnisse sind, dass die vergünstigten Tickets wie erwartet zu einer Steigerung der ÖPNV-Nutzung geführt haben. Die Fahrzeuge sind inzwischen um 5,9 % mehr belegt“, berichtet Erster Bürgermeister und ÖPNV-Dezernent Christian Specht und führte weiter aus: „Einen noch stärkeren Effekt haben jedoch unsere Maßnahmen in Bezug auf das Verbindungsangebot. Auf den Linien, auf denen wir die Takte verdichtet und damit das Angebot verbessert haben, haben wir ein Viertel, genau 26 %, mehr Fahrgäste gezählt. Das bestätigt uns in unserer bisherigen Strategie, sich auf einen kontinuierlichen Ausbau des Verbindungsangebots zu konzentrieren, so wie bei unserer Stadtbahn Nord oder künftig durch die Anbindung von Franklin oder des Glücksteinquartiers. Es ist wichtig, den Nutzern ein gutes Angebot im Sinne des Fahrkomforts und der Verfügbarkeit anzubieten anstatt lediglich Preise zu senken.“

Im November wird mit Mitteln aus dem Modellstadt-Projekt eine weitere Angebotsverbesserung im Busbereich realisiert. Durch die Einführung der neuen Linie 65 zwischen Popakademie und Hochschule wird das Glücksteinquartier erschlossen und die bestehende Linie 60 zwischen Popakademie und Hauptbahnhof verstärkt. „Den Erfolg, den wir mit den Angebotsverbesserungen auf der Linie 45/50 hatten, möchten wir gerne wiederholen“, so Martin in der Beek, Technischer Geschäftsführer der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (rnv). „Es trägt außerdem erheblich zur Attraktivität von neuen Stadtquartieren bei, wenn es beim Einzug der ersten Bewohner schon eine ÖPNV-Verbindung vor der Haustür gibt.“

Wer genau die Fahrgäste sind, die seit Beginn der Modellstadt-Maßnahmen Anfang des Jahres für die erhöhte Nutzung des ÖPNV sorgen, muss noch ausgewertet werden. Möglicherweise handelt es sich um sogenannte Umsteiger, also Fahrgäste, die beispielsweise vom Auto auf den ÖPNV gewechselt sind und den ÖPNV vorher gar nicht oder kaum genutzt haben. Möglich wäre auch, dass bisherige ÖPNV-Nutzer noch häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und sich die Zahl der Fahrten dadurch erhöht hat.

Die bisherigen Auswertungen haben gleichzeitig auch ergeben, dass ein Rückgang bei jenen Angeboten zu verzeichnen ist, die nicht im Rahmen der Modellstadt-Maßnahmen vergünstigt wurden. Hier insbesondere bei den regulären Tages- und Wochenkarten. Es ist anzunehmen, dass diese Fahrgäste nun auf die vergünstigen Modellstadt-Tickets zurückgreifen.

Ein großer Erfolg des Modellstadt-Projektes ist die Ausweitung des Job-Ticket-Angebots: Mehr als 100 Mannheimer Unternehmen bieten im Rahmen der Modellstadt das Job-Ticket neu an. Damit haben nun insgesamt rund 35.000 Beschäftige in Mannheim die Möglichkeit, vergünstigt zur Arbeit zu pendeln. Das sind mehr als 7.600 Beschäftigte, die neu hinzukommen, das entspricht 22 %.
“Darüber hinaus planen wir im nächsten Jahr ein neues Job-Ticket-Modell, das eine Grundbeitragsbefreiung für Arbeitgeber vorsieht und nur für die Mitarbeiter zu zahlen ist, die auch tatsächlich den ÖPNV nutzen. Das wird sicherlich ein weiterer Erfolg in diesem Tarifsegment”, ergänzt Volkhard Malik, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar (VRN).

Beim sogenannten eTarif, der nur die tatsächlich zurückgelegte Luftlinie berechnet, hat sich im Rahmen einer der Modellstadt-Maßnahmen der Grundpreis um mehr als ein Drittel reduziert. Seither hat sich die Zahl der Fahrten verdoppelt. Die Zahl der Nutzer hat sich um die Hälfte gesteigert. „Der große Vorteil des eTarifs ist die Nutzerfreundlichkeit“, erklärt Specht. „Man muss einfach nur einsteigen und aussteigen, ohne sich mit den verschiedenen Tarifen auseinandersetzen zu müssen. Die Fahrtstrecke wird digital erfasst und anschließend ganz bequem abgerechnet.“

Eine weitere zentrale Erkenntnis des Modellstadt-Projektes ist der Aspekt „Kosten“: Die Einnahmen, die durch die erhöhten Fahrgastzahlen seit Beginn der Modellstadt-Maßnahmen generiert werden, kompensieren nicht die Kosten, die durch die Maßnahmen entstehen. „Letztlich wird man immer draufzahlen müssen, wenn man die Maßnahmen in dieser Form anbieten möchte, insbesondere die Tarifmaßnahmen“, bilanziert Specht. „Wenn wir das Maßnahmenpaket also langfristig in dieser Form anbieten wollen, bedarf es finanzieller Unterstützung durch den Bund.“

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