Kultur - 09.01.2020

Lesung "Irgendwo in diesem Dunkel"

Lesung mit Natascha Wodin: „Irgendwo in diesem Dunkel“ am Sonntag, den 19. Januar 2020, 17:00 Uhr im Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstraße 25 -27
In "Sie kam aus Mariupol", ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, hat Natascha Wodin ihrer Mutter ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Mit „Irgendwo in diesem Dunkel“ setzt sie die Geschichte ihrer Mutter fort und schließt an deren Freitod 1956 an.

Erzählt wird die Zeit als die ältere der beiden Töchter sechzehn ist. Sie lebt beim Vater in den "Häusern" am Fluss, abseits vom deutschen Städtchen, unter Verschleppten und Entwurzelten in einer Welt außerhalb der Welt. Dabei möchte sie so gern zu den Deutschen gehören, möchte Ursula oder Susanne heißen und träumt von einem Handwerker, den sie heiraten könnte, um ihrer russischen Herkunft zu entkommen. Aber der seit je gefürchtete Vater sperrt sie ein. Sie soll keine roten Schuhe tragen, sie soll zu Hause putzen. In einem Taftkleid der Mutter flieht sie in die Vogelfreiheit, die Schutzlosigkeit der Straße.
Diese Geschichte eines Mädchens, das als Tochter ehemaliger Zwangsarbeiter im Nachkriegsdeutschland lebt – misstrauisch beäugt und gemieden von den Deutschen, voller Sehnsucht, endlich ein Teil von ihnen zu sein – wird aus dem Rückblick erzählt, ausgehend vom Tod des Vaters in einem deutschen Altenheim. Sein Leben, das noch in der russischen Zarenzeit begonnen hat und fast das gesamte 20. Jahrhundert überspannt, ist für die Tochter immer ein Geheimnis geblieben. Irgendwo in diesem Dunkel, hinter all dem Schweigen, sucht sie den Schlüssel zum Verstehen. Eine ungeheuerliche Geschichte der Ort- und Obdachlosigkeiten, erzählt in der klaren, um Sachlichkeit bemühten und doch von Emotion und Poesie getragenen Sprache Natascha Wodins, die ihresgleichen sucht.

Eine Kindheit und Erwachsenwerden, wie sie auch in Mannheim so oder ähnlich hätte passieren können. Sowjetische und polnische Zwangsarbeiter, die nach dem Krieg nicht in ihr Heimatland zurück konnten, waren in der Regel räumlich isoliert und in der Nachkriegszeit Ausgestoßene. Mit Natascha Wodins beiden Romanen wird das Schicksal der vom nationalsozialistischen Deutschland als Arbeitskräfte angeworbenen oder als Zwangsarbeiter missbrauchten Menschen öffentlich gemacht.

Natascha Wodin lebt in Berlin und Mecklenburg, 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs sie erst in deutschen Displaced-Person-Camps, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Auf ihr Romandebüt "Die gläserne Stadt", das 1983 erschien, folgten etliche Veröffentlichungen, darunter die Romane "Die Ehe" und "Nachtgeschwister". Ihr Werk wurde unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Brüder-Grimm-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, für "Sie kam aus Mariupol" bekam sie den Alfred-Döblin-Preis, den Preis der Leipziger Buchmesse und den August-Graf-von-Platen-Preis verliehen. Zuletzt erhielt sie den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg.

Moderation: Dr. Anna-Katharina Gisbertz

Die Lesereihe „europa_morgen_land ist eine städte- und länderübergreifende Kooperation des Kulturamtes Mannheim, des Kulturbüros der Stadt Ludwigshafen und seit 2014 auch der Stadtbücherei Frankenthal gemeinsam mit den Vereinen KulturQuerQuerKultur Rhein-Neckar und Kultur Rhein-Neckar e.V.

Wir empfehlen für die Veranstaltung Plätze zu reservieren bei: KulturQuer QuerKultur Rhein-Neckar e.V., Gisela Kerntke, Tel.: 0621 - 33 26 71 oder gisela.kerntke@freenet.de

 

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