Politik & Verwaltung - 24.03.2016

Gegen das Vergessen: Mahnmal für die Opfer der Zwangssterilisierungen in Mannheim hat neuen Standort

Seit zwei Jahren erinnert das Mahnmal in Mannheim an die fast 2.000 Bürgerinnen und Bürger, die auf Anordnung des Erbgesundheitsgerichtes Opfer von Zwangssterilisierungen wurden. Initiiert durch den Arbeitskreis des Künstlers Michael Volkmer hat das Mahnmal keinen festen Standort, sondern wird im jährlichen Wechsel bei den Institutionen aufgestellt, die an der Durchführung der Zwangssterilisierungen aktiv beteiligt waren; darunter das Universitätsklinikum, der Fachbereich Gesundheit und das Diakonissenkrankenhaus.

Mahnmal als Symbol gegen das Wegsehen

Vor rund 80 Jahren wurde in Mannheim auf der Grundlage des ersten NS-Rassegesetzes das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ am heutigen Standort des Amtsgerichts Mannheim eingerichtet, das für die Anordnung von zahlreichen Zwangssterilisationen verantwortlich war. „Wir gedenken heute rund 2.000 zwangssterilisierten Mannheimerinnen und Mannheimern“, erinnerte Dr. Ulrike Freundlieb, Bürgermeisterin für Bildung, Jugend und Gesundheit und ergänzte: „Es ist ein Skandal, dass das Gesetz erst 1974 aufgehoben wurde und dass die Opfer, die schwere körperliche und seelische Schäden davongetragen haben, bis heute weder Anerkennung noch Entschädigung erhalten haben. Damit wurde ihnen ein weiteres Mal Unrecht angetan. Das Mannheimer Mahnmal setzt hier ein Symbol gegen das Wegsehen.“

Schülerinnen und Schüler betreuen Mahnmal

Das Diakonissenkrankenhaus ist nach dem Amtsgericht und dem Klinikum der dritte Aufstellungsort des Mahnmals. Betreut wird es dabei von Schülerinnen und Schülern, die sich durch ihre Patenschaft intensiv mit dem Thema der Zwangssterilisation auseinandersetzen. Die letzte Patenschaft hatten Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Frank-Gymnasiums übernommen, die den Staffelstein im Rahmen des Festaktes feierlich an das Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium sowie an die Wilhelm-Wundt-Schule übergaben.

„Es ist wahrlich kein leichtes Thema, mit dem ihr euch auseinandersetzt“, dankte die Bildungsbürgermeisterin den Schülerinnen und Schülern der drei Schulen. „Sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen bedeutet, sich der Geschichte des Nationalsozialismus zu stellen. Dies ist ein Thema, das euch Sensibilität, Einfühlungsvermögen, aber auch eine gewisse Kraft abverlangt, um euch intensiv damit zu befassen. Ihr habt damit eine Verantwortung übernommen, für die ich euch sehr dankbar bin, denn durch euch wird der Faden von der Vergangenheit in die Zukunft gesponnen.“

„Es bedarf eines klaren Bekenntnisses zur Unantastbarkeit der Würde des Menschen - gerade in diesen Tage, in denen geflüchtete Menschen Stigmatisierung erleben müssen oder Flüchtlingsheime in Brand gesetzt werden“, betonte Dr. Freundlieb.

Unfruchtbarmachung wegen Epilepsie, Alkoholismus oder „angeborenem Schwachsinn“: Mit ihrer ergreifenden szenischen Lesung aus Originalakten von Mannheimer Zwangssterilisierten beeindruckte der Arbeitskreis Justiz und Geschichte des Nationalsozialismus in Mannheim e.V. Anhand der drei Einzelschicksalen erlebten die Gäste das Schicksal der Opfer sowie die Absurdität des Erbgesundheitsgerichtes hautnah mit. „Der Arbeitskreis Justiz hält dieses Thema in Mannheim präsent, indem er sich nachhaltig dafür engagiert.“, bedankte sich Dr. Freundlieb für dessen Engagement.

Hintergrundinformationen:

Auf Initiative des Arbeitskreises Justiz und Geschichte des Nationalsozialismus in Mannheim, einer Gruppe politisch engagierter Menschen, die auf lokaler Ebene zur Geschichte des Nationalsozialismus und zur Nachkriegsgeschichte in Mannheim recherchieren, beschloss der Gemeinderat 2012, dass ein Mahnmal an die Mannheimer Opfer erinnern soll. Unter Leitung des Stadtarchivs und moderiert vom Kulturamt wurde ein „Runder Tisch“ eingerichtet, an dem Vertreter des Amtsgerichtes, der Universitätsmedizin Mannheim, des Fachbereichs Bildung sowie des Arbeitskreises das Projekt gemeinsam begleiteten.

Die erste Station des Mahnmals war das Amtsgericht, da dies der Ort war, an dem vor 80 Jahren das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ eingerichtet wurde. Das Erbgesundheitsgericht war damals aufgrund des ersten NS-Rassegesetzes, des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 für die Anordnung der Zwangssterilisierungen maßgeblich verantwortlich. Das Ziel, das mit dem Gesetz verfolgt wurde, war „Rassenhygiene“ - die „Reinerhaltung der arischen Rasse“. Die offiziellen Begründungen für die operativen Eingriffe reichten von Blindheit, Schwerhörigkeit, Epilepsie über Schizophrenie, Schwachsinn und Alkoholismus bis hin zur Etikettierung als „moralisch schwachsinnig“ und „asozial“. Für den reibungslosen Ablauf sorgten Ärzte, Richter, Mitarbeiter des Gesundheits- und Fürsorgeamtes sowie von Schulen und Behörden. In Mannheim wurden über 1.000 Menschen gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht.

Die seelisch und körperlich verstümmelten Überlebenden der Zwangssterilisierungen wurden auch nach Ende der NS-Zeit keineswegs als Opfer anerkannt: Man hat sie bis 1980 aktiv und bewusst von jeglicher Wiedergutmachung ausgegrenzt. Die Urteile galten bis 1998 als rechtens. Die Täter wurden niemals zur Rechenschaft gezogen.
 

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