Politik & Verwaltung - 28.01.2020

Gedenken: „75 Jahre Befreiung von Auschwitz“

Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus

„Auschwitz steht wie kein anderer Ort als Chiffre für den systematischen und industriellen Massenmord der Nationalsozialisten“, sagte Bürgermeister Dirk Grunert in seiner Rede anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des Holocaust am 27. Januar im bis auf den letzten Platz voll besetzten Bürgersaal des Mannheimer Stadthauses. An diesem Tag jährte sich in diesem Jahr zum 75. Mal die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. „Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden dort ermordet oder starben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten und den unmenschlichen Arbeitsbedingungen. 90 Prozent der Opfer waren Jüdinnen und Juden. Mehr als 1200 von ihnen stammten aus Mannheim. Und mindestens 40 Sinti und Roma aus unserer Stadt wurden in Ausschwitz ermordet“, rief Grunert die Gräuel in Erinnerung. Auschwitz stehe für die größte Zahl an Opfern des nationalsozialistischen Rassenwahns. „Und doch bildet Auschwitz nur einen Teil der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus ab“, erklärte Grunert und erinnerte an die Opfer in den anderen Vernichtungs-, Konzentrations- und Sonderlagern, den Ghettos und sogenannten Euthanasie-Anstalten sowie in den Masseneinrichtungen in Osteuropa und auf dem Baltikum. Orte, die in der Erinnerungskultur nur wenig beachtet würden, da von vielen keinerlei bauliche Spuren oder Fotografien existieren und nur wenige Überlebende Zeugnis von den Verbrechen dort ablegen konnten. Grunert appellierte, diese Orte ebenfalls nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und alle Verfolgten- und Opfergruppen in das Gedenken einzubeziehen.

Er verdeutlichte, dass zur Erinnerungskultur auch das Wissen um die Vor- und Nachgeschichte gehört: Das Wissen darüber, dass Auschwitz das Ende eines langen Verfolgungsprozesses stand und dass Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und eugenische Vorstellungen weit vor 1933 zurückreichen und im Nationalsozialismus in in systematischer Ausgrenzung, Verfolgung und Terror mündeten. Zur Nachgeschichte gehöre, dass die Überlebenden mit ihren traumatischen Erinnerungen und dem Verlust von Angehörigen und ihrer Heimat ebenso fertigwerden werden mussten, wie der Erkenntnis, dass in Deutschland zwar früh von Versöhnung gesprochen wurde, eine juristische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit jedoch lange nicht stattfand.

 „Als die Bundesrepublik nach Jahrzehnten des Verschweigens und Verdrängens den Gedenktag einrichtete, war dies Zeichen, dass eine Erinnerungskultur vorhanden ist. Die Herausforderung ist es nun, die Erinnerung lebendig zu erhalten“, so Dr. Tim Müller, Wissenschaftlicher Leiter des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma. Dass Mannheimer Schulen an der Gedenkveranstaltung mitwirken, könne man als Zeichen lebendiger Erinnerungskultur werten. In diesem Jahr waren dies Schülerinnen und Schüler vom Johanna-Geissmar-Gymnasium, von der Friedrich-List-Schule, dem Ludwig-Frank-Gymnasium sowie und der Wilhelm-Wundt-Realschule und der Waldschule. Sie hatten sich in die Schicksale von Opfern eingearbeitet und ihre Beiträge mahnten, dass das Wissen um die Vergangenheit zur Verantwortung für die Zukunft verpflichtet.

Auf den politischen und erinnerungskulturellen Umgang mit Auschwitz aus polnischer Sicht ging Gastrednerin Dr. Zofia Wóycicka vom Deutschen Historischen Institut Warschau ein. Sie beleuchtete die polnische Sichtweise auf Auschwitz und betonte, dass im Zuge des Erinnerns diese größte Opfergruppe lange nicht berücksichtigt wurde. Heute werde Auschwitz in Polen zwar nach wie vor als Gedenkstätte des nationalen Leidens gesehen. Die Zahl derer, die es als Symbol für den Holocaust begreifen, nehme jedoch zu.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier von Pinchas von Piechowski, 1. Geiger am Nationaltheater Mannheim, und Amnon Seelig, dem Kantor der jüdischen Gemeinde Mannheim.

Medien