Politik & Verwaltung - 09.07.2019

Forum Behinderung zum Thema Kommunikation

Dass Barrierefreiheit nicht nur Rampen und Aufzüge bedeutet, sondern auch analoge und digitale Informationszugänge so gestaltet sein müssen, dass sie von Menschen mit Beeinträchtigungen ohne zusätzliche Hilfe genutzt werden können, damit beschäftigte sich das aktuelle Mannheimer Forum Behinderung. Dieses Forum bietet in regelmäßigen Abständen im Ratssaal der Stadt aktuelle Informationen und Debatten für Menschen mit Handicaps. Auf Einladung  der Mannheimer  Behindertenbeauftragten Ursula Frenz, nahmen dieses Mal Betroffene und  Vertreter der ehrenamtlich tätigen Verbände zusammen mit Vertretern von Institutionen teil, die sich mit  technischen Verbesserungen auseinandersetzen müssen. Und Experten referierten zu zum Thema des Forums. . Gebärdensprachdolmetscherinnen und Schriftdolmetscherinnen und Dolmetscher übersetzten im Ratssaal des Stadthauses sämtliche Referate und Wortbeiträge. Ausstellungen und viele Gespräche am Rande ergänzten die Fachbeiträge.

Ein Bild auf dem Handy ist noch nicht Teilhabe

Geld überweisen, Theaterkarten bestellen, das Lesen digitaler Dokumente oder das Herunterladen des Fahrscheins mittels App: Im Sinne der Chancengleichheit bedarf es barrierefreier Schnittstellen im Internet und idealerweise eines „Designs für Alle“, wie der Vortrag von Prof. Dr. Gottfried Zimmermann verdeutlichte. „Design für Alle bedeutet übersichtliche, gut strukturierte Webseiten“, so der Dozent an der Hochschule der Medien Stuttgart: Bildbeschreibungen gehören ebenso wie Videos mit Untertiteln und akustischer Beschreibung dazu. Farben sollen umsichtig eingesetzt werden,  um Überschriften zu markieren, im Sinne der besseren Lesbarkeit soll auf Kontraste zwischen Hintergrund und Text geachtet werden. Es muss an diejenigen gedacht werden, die am PC nicht mit der Standard-Maus und der Touch-Funktion arbeiten können oder über die Tastatur  mittels Mundstift oder Kopfmaus  Eingaben machen. Per Gesetz sind die Anforderungen der Barrierefreiheit im digitalen Bereich für öffentliche Stellen gemäß EU-Richtlinie mittlerweile im nationalen Recht und im Landesbehindertengleichstellungsgesetz geregelt.

Ab dem 23. September 2019 werden diese Vorgaben auch für Webseiten geschlossener Gruppen (Intranet) gelten. Ab dem 23. Juni 2021 sollen per Gesetz alle Apps barrierefrei nutzbar sein. In Zukunft wird es auch Beschwerdemöglichkeiten über nicht barrierefreie Angebote geben. Geplant ist über diesen Rückmeldemechanismus hinaus  die Überwachung durch das Land selbst.
In In Arbeit sind ebenfalls  neue Webstandards (WCAG 2.1) ,die laut Zimmermann auch für Wirtschaft, Banken und die Betreiber von Online-Shops gelten. Das Spannungsfeld zwischen gesetzlichen Anforderungen, technischen Standards und Design für Alle ist nach Auffassung von Zimmermann gar nicht so spannungsreich. „Es ist zu leisten und kommt allen Nutzern zu Gute“, lautete das Fazit des Fachmanns

Leichte Sprache

Zimmernmann lobte den Stand zur Leichten Sprache in Mannheim: Denn, aktuell neu auf der Webseite der Stadt Mannheim gibt es Texte in Leichter Sprache, die Erläuterungen zum Inhalt und zur Navigation geben. Alle bisherigen Texte sind leicht zu finden: in der Fußzeile oder über www.mannheim.de/leichtesprache .

Im Anschluss stellte Prof. Dr. Ralf Daum  die Ergebnisse einer Befragung vor, die Studierende des Studiengangs BWL-Öffentliche Wirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg vorgenommen haben. Sie wollten von Vertretern der AG Barrierefreiheit, des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins und der Gemeindediakonie Mannheim sowie von  ausgewählten Mitarbeitern der Stadtverwaltung wissen, wie sie die Qualität der digitalen Zugänge zu Informationen und deren Entwicklungsperspektive einschätzen. Die Experten in eigener Sache merkten beispielsweise an, dass mit der Post verschickte Behördendokumente für Blinde und Sehbehinderte als digitales Dokument oder per E-Mail besser wären. Bei Formularen sollte  auf kompliziertes Amtsdeutsch verzichtet werden.

Insgesamt wurden die digitalen Angebote der Stadtverwaltung als gut eingestuft. Als zusätzliche Ideen wurden ein digitaler Plan mit barrierefreien Haltestellen sowie ein Behindertenausweis mit Chip, der mit zusätzlichen Funktionen verknüpft werden kann, vorgeschlagen.
Aktuell biete die Kunsthalle eine kostenlose App an, die Kunstwerke in leichter Sprache erklärt und ausgewählte Wege durch das Museum beschreibt. „An diesem Beispiel zeigt sich, dass es gut ist, wenn von vornherein das Thema Barrierefreiheit mitgedacht wird“, so Daum. Angemerkt worden sei aber auch, dass die Umsetzung barrierefreier Dienstleistungen sehr vielfältig, komplex und auch kostenintensiv sei. Insgesamt betrachtet, nehmen die städtischen Mitarbeiter wahr, dass die Bürger digitale Angebote (noch) nicht sehr häufig nutzen. Unabhängig davon, ob es sich um Menschen mit oder ohne Behinderung handelt. Die zuhörenden Experten betonten, wie wichtig dies für alle sei und dass darüber der persönliche Kontakte nicht vergessen werden dürfe.

Sprachcomputer für ein selbstbestimmtes Leben

Das Interview zwischen der Veranstalterin Ursula Frenz und Sarah Luise Bertsch, einer von erheblichen Sprachbehinderungen geprägten jungen Rollstuhlfahrerin, machte auf beeindruckende Art und Weise klar, was technische Hilfsmittel für die Lebensqualität von Menschen mit Handicap bedeuten können. Seit sie 13 Jahre alt ist, hat sie ihren Sprachcomputer. Per Augensteuerung und Sprachausgabe kann sie mit ihrer Umwelt kommunizieren und ihr Leben selbstbestimmter führen.
„Menschen nehmen mich ernst und denken nicht, dass ich doof bin“, sagte die junge Frau.
 Dank dem Gerät könne sie am Alltag aktiv teilhaben, mit ihren Freunden reden und quatschen, Gefühle ausdrücken, den Fernseher ebenso bedienen wie „Alexa“ oder Fotos posten. „Und ich kann Interviews geben“, erklärte Sarah Luise Bertsch.

Als weiterer Redner stellte Dr. Uwe Sperling vom Geriatrischen Zentrum der UMM das Zukunftsprojekt „SINQ“ vor. Es geht um Apps, die Bedarfe älterer Menschen erkennen. Die Menschen sollen in Zukunft im Quartier ihre Dienstleistung digital abrufen können.

Judith Geiser vom Fachbereich Informationstechnologie erläuterte die Digitalisierungsstrategie der Stadt Mannheim mit ihren zahlreichen Einzelprojekten.

Miriam Sophie Kronius informierte für den Nahverkehr des RNV über die Zukunft der digitalen barrierefreien Kundeninformation.

Sven Rübmann kam als  Vertreter des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins zu Wort, der sich mit Möglichkeiten und Grenzen der Technik auseinandersetzte und dem sich einige Wortbeiträge aus dem Publikum anschlossen, die Videokonferenzen für gehörlose Menschen in Gebärdensprache anregten.

Die Forumsteilnehmer erhielten viele Anregungen aus den  Technikpräsentationen und Beiträgen. Die Podiumsteilnehmer nahmen nach eigenem Bekunden weitere Überlegungen mit, an die man wohl noch denken müsse in der zukünftigen Umsetzung der Kommunikationstechnik.

Ursula Frenz beschloss dieses Forum mit dem Hinweis, dass man im November wieder zusammenkomme.

 

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