Umwelt & Verkehr - 29.12.2017

Er baute Mannheims Abwassersystem

Vor 100 Jahren, am 30. Dezember 1917, starb in London der Ingenieur William Heerlein Lindley. Als „prominentester und wichtigster Abwasseringenieur von europäischem Format“ bezeichnet Alexander Mauritz, Eigenbetriebsleiter der Stadtentwässerung Mannheim (EBS) den Mann, der zwischen 1888 und 1901 im Auftrag der Stadtverwaltung das Mannheimer Abwassersystem baute. Im Zuge der Innenstadtkanalisierung ließ Lindley auch den Fremdeneinstieg in der Breiten Straße errichten, um der Bevölkerung, dem Regenten, Großherzog Friedrich I. von Baden sowie auswärtigen Experten den abwassertechnischen Fortschritt in Mannheim aufzuzeigen. Für die an Rhein und Neckar gelegene Industriestadt Mannheim bildete eine grundlegende Entwässerung die Voraussetzung für das städtebauliche und wirtschaftliche Wachstum im 20. Jahrhundert.


William H. Lindley galt in Europa als der Experte ersten Ranges für Abwasserfragen. Der Ingenieur englischer Herkunft, von 1883-1895 Stadtbaurat in Frankfurt am Main, entwickelte in wenigen Jahrzehnten Wasser-und Abwassersysteme in 36 europäischen Städten - vom Rhein bis zum Kaukasus.


Lindley war ein vehementer Befürworter der „Schwemmkanalisation“. In diesem Verfahren sollten Fäkalien, die zuvor in Gruben gesammelt wurden und als wertvoller Düngerrohstoff in der Landwirtschaft Verwendung fanden, nun über die Kanalisation in die Vorfluter „abgeschwemmt“ werden. Lindleys Konzept bildete somit die Grundlage für den abwassertechnischen und hygienischen Fortschritt in den Städten.


Parallel zu seinen Mannheimer Kanalisationsprojekten betreute Lindley, den Kritiker auch als „reisenden Ingenieur“ bespöttelten, Abwasserprojekte in Hanau, Bad Homburg, Prag und Warschau. Nach Fertigstellung der Innenstadtkanalisation gelang es Lindley, mitten im Ersten Weltkrieg und nach Ausbruch der Russischen Oktoberrevolution in das damals russische Baku (heute die Hauptstadt von Aserbaidschan) zu reisen, wo er ein Wasserversorgungsprojekt betreute.


Mannheim blieb Lindley zeit seines Lebens verbunden. Er wirkte mit an den Verträgen der Stadt mit dem Schweizer Unternehmen BBC, das 1899 in Mannheim ein Tochterunternehmen gegründet hatte, sowie am Bau des ersten Elektrizitätswerkes am Industriehafen. Seine Tochter Julia heiratete Robert Boveri, der die Mannheimer BBC bis zu seinem Tod leitete.


Julia Boveri-Lindley vermachte ein spätes Porträt ihres Vaters dem Deutschen Museum München. W.H. Lindley war dort von 1910 bis 1912 Schriftführer im Vorstandsrat des Deutschen Museums. Die Fotografie stammte aus dem Atelier des Mannheimer Fotografen Georg Tillmann Matter.


Auf dem europäischen Kontinent genoss Lindley großen Respekt und Anerkennung. Der Großherzog von Hessen-Darmstadt verlieh ihm den Ehrendoktortitel der Technischen Hochschule in Ingenieurwissenschaften, die Stadt Baku würdigte seine Verdienste mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Doch die umfangreichen Arbeiten und seine häufigen Reisen blieben nicht ohne Folgen für Lindleys Gesundheit. Am 30. Dezember 1917 starb William H. Lindley am Herzinfarkt im Alter von 64 Jahren.
Den Fremdeneinstieg in der Breiten Straße in F1 wird die Stadtentwässerung zum Weltwassertag am 22. März 2018 wieder öffnen.

 

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