Politik & Verwaltung - 28.01.2022

Die Opfer im „kollektiven Gedächtnis“ verankern

Sie sind eine Opfergruppe des Nationalsozialismus, die vom Bundestag erst 2020 auch als solche anerkannt wurde. Sie wurden wegen kleinster Verstöße, die in einem demokratischen Rechtsstaat allenfalls als Ordnungswidrigkeiten gelten würden, in Konzentrationslager gebracht: „Asoziale“, die im Dritten Reich stigmatisiert, verfolgt und getötet wurden. Diese Opfergruppe stand im Mittelpunkt der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus, die in diesem Jahr aufgrund der pandemischen Situation live aus dem MARCHIVUM gestreamt wurde.
 
Die Gesamtzahl der Mannheimerinnen und Mannheimer, die als vermeintlich „Asoziale“ verfolgt wurden, lässt sich heute nur andeutungsweise beziffern. Belegen lässt sich lediglich, dass mindestens 94 Personen aus Mannheim unter der Kategorie „Asozial“ in Konzentrationslagern registriert wurden. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde ermordet.
 
Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz stellte in seiner Rede eindrücklich klar: „Die immer wieder fassungslos machende Grausamkeit des Nationalsozialismus verträgt keine Entschuldigung oder Relativierung“. Die als „asozial“ Verfolgten hätten auch über die Kriegszeit hinaus gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren. „Wir neigen noch heute dazu, moralische Maßstäbe über die Gründe der Verfolgung anzulegen und danach zu fragen, ob jemand „unschuldig“ entrechtet und verfolgt wurde oder es nicht doch Gründe gegeben habe, die eine Inhaftierung rechtfertigten, da die Betroffenen gegen noch immer gültige soziale Normen oder Gesetze verstoßen hatten“, erklärte er.
 
Ungeachtet ihrer tatsächlich oder vermeintlich begangenen Straftaten seien aber auch diese Menschen Opfer eines verbrecherischen Systems geworden, auch sie hätten Repressionen und schwerste Menschenrechtsverletzungen erlitten und seien zu Tausenden in Konzentrations- und anderen Zwangslagern gestorben: „Niemand saß ‚zu Recht‘ im KZ, auch Menschen mit dem schwarzen und dem grünen Winkel nicht. Es ist an der Zeit, diese Opfer des Nationalsozialismus im „kollektiven Gedächtnis“ zu verankern. Das ist nicht alleine Aufgabe der Politik, sondern erfordert ein gesamtgesellschaftliches Engagement, an dem sich die Geschichtswissenschaft, die Gedenkstätten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen und jeder Einzelne beteiligen sollte. Die Auseinandersetzung mit dem Grauen des Nationalsozialismus zeigt, dass, wenn der Rechtsaat scheitert, es kein Halten mehr gibt. Das ist mit „Wehret den Anfängen gemeint“, so der eindringliche Appell des Oberbürgermeisters.
 
Dass und wie auch heute noch Menschen als „asozial“ abgestempelt werden, zeigten Schülerinnen und Schüler der Theater AG der Wilhelm-Wundt-Realschule. Sie gingen der Verwendung des Begriffs „asozial“ in der Vergangenheit und in der heutigen Zeit nach. Das erschreckendene Fazit: Viel hat sich nicht geändert, nur, dass soziale Medien und Reality-Formate die Stigmatisierung vermeintlich „Asozialer“ heute noch vereinfachen, sodass sich die Schüler*innen die Frage stellten, ob Menschen, die auf solche Weise an den Pranger gestellt werden einen „psychischen Tod“ erleiden.
 
Schülerinnen und Schüler der Klasse 9c des Moll-Gymnasiums beschrieben in ihrem Beitrag die Lebenswege zweier „Asozialer“ und mahnten: „Erinnerung an Gestern ist Verantwortung für morgen“. Und auch der Leistungskurs Geschichte des Ludwig-Frank-Gymnasiums machte im Rahmen einer szenischen Lesung deutlich, wie schnell jemand den Stempel des „Asozialen“ erhalten konnte und welche Folgen das hatte.
 
Zuvor hatte Dr. Thomas Roth vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln im Rahmen seines Fachvortrags deutlich gemacht, dass die Volksgemeinschaftsideologie der Nationalsozialisten das rigorose Vorgehen gegen „Asoziale“ rechtfertigte. Im Kampf gegen „Asoziale“ seien rechtliche Barrieren abgebaut worden und die Verfolgungsinstanzen hätten sich schnell auf breiter Front formiert, wobei auch die Bevölkerung erfolgreich mobilisiert worden sei. Auch er betonte, dass diese Opfergruppe auch nach 1945 kaum Gehör erhielt. Sie sei vergessen und marginalisiert worden. Die Anerkennung als Opfergruppe durch den Bundestag sei ein wichtiger symbolischer Akt, der verbunden sei mit der Aufforderung, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Das Video zur Veranstaltung ist noch einige Zeit über folgenden Link: www.mannheim.de/gedenkveranstaltung abrufbar


 
 
 

 

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