Politik & Verwaltung - 06.02.2019

Bertha-und-Carl-Benz-Preis an Frauenrechtlerin

Dass Frauen Auto fahren, ist für uns eine Selbstverständlichkeit, in Saudi-Arabien nicht. Als letztes Land weltweit hat Saudi-Arabien erst im vergangenen Jahr das Fahrverbot für Frauen aufgehoben. Seit Juni 2018 dürfen saudische Frauen einen Führerschein beantragen und eigenständig einen Wagen führen. Überschattet wird diese Errungenschaft jedoch von der noch immer andauernden Inhaftierung zahlreicher junger Aktivistinnen, die sich für dieses Recht stark gemacht haben.

Loujain Al-Hathloul ist eine dieser Aktivistinnen. Für ihren unermüdlichen Kampf für das Recht der Frauen auf Mobilität, den sie trotz schwerster Repressalien weitergeführt hat, erhält sie den Bertha-und-Carl-Benz-Preis der Stadt Mannheim 2019. Das hat der Gemeinderat im nichtöffentlichen Teil seiner Sitzung am 5. Februar beschlossen.
„Die Möglichkeit einer unabhängigen räumlichen Mobilität ist unerlässlich für die freie Entfaltung und Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit. Loujain Al-Hathloul hat maßgeblich dazu beigetragen, dass saudische Frauen seit Juni 2018 einen Führerschein beantragen und Autofahren dürfen. Hierdurch wurden ihnen zahlreiche neue Perspektiven eröffnet, die wiederum Chancen auf eine soziale Mobilität schaffen“, heißt es in der Jury-Begründung.

„Ihr Mut und das Grundverständnis, dass Mobilität ein selbstverständlicher Teil menschlicher Freiheit ist und entsprechend ohne Diskriminierung allen Menschen gewährt werden soll, hat das Preisgericht bewogen, Loujain Al-Hathloul für den Bertha-und-Carl-Benz-Preis vorzuschlagen. Sie hat sich in außergewöhnlicher Weise für Werte eingesetzt, die für die Stadt Mannheim in ihrem Selbstverständnis als weltoffene Stadt, in der alle unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht am gesellschaftlichen Leben teilhaben sollen, von besonderer Bedeutung sind. In dieser Dimension der Mobilität wird die Bedeutung des Engagements von Loujain Al-Hathloul besonders deutlich“, erklärt Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz.

Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz traf heute (6. Februar 2019) am Rande des europäischen Forums der Städte und Regionen in der Entwicklungszusammenarbeit in Brüssel Alia und Lina Al-Hathloul zu einem Gespräch und übergab ihnen einen Brief an ihre Schwester Loujain. Kurz betonte dabei, dass der Preis auch einen Beitrag dazu leisten kann, das Engagement und das Schicksal Loujain Al-Hathlouls sichtbar zu machen.

Loujain Al-Hathloul
Loujain Al-Hathloul wurde am 31. Juli 1989 in Saudi-Arabien geboren. Vor einigen Jahren zog sie aus Sicherheitsgründen in die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie ist Absolventin der University of British Columbia in Vancouver, Kanada und seit 2012 eine sehr aktive Menschenrechtsaktivistin. Sie verstieß wiederholt gegen das in Saudi-Arabien herrschende Fahrverbot für Frauen und wurde mehrfach – zuletzt im Mai 2018 – inhaftiert. Seitdem verbüßt sie eine Gefängnisstrafe. Ihr Schicksal ist bisher ungeklärt. Diese letzte Verhaftung zusammen mit weiteren Aktivistinnen erfolgte laut Human Rights Watch mit der Begründung des „aufrührerischen Verhaltens“ gegen Kronprinz Mohammed bin Salman, begleitet von einer Kampagne in regierungsnahen Medien. Seither wird ihr jeglicher Kontakt zur Außenwelt verweigert. Bereits 2014 hatte Loujain Al-Hathloul mit 14.000 weiteren Personen eine Petition unterzeichnet, die die Abschaffung der Vormundschaft für Frauen forderte.

Der Bertha-und-Carl-Benz-Preis
Die Stadt Mannheim stiftete 2011 den Bertha-und-Carl-Benz-Preis anlässlich des 125-jährigen Automobiljubiläums. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen. Als Preisträgerinnen und Preisträger kommen Personen, Gruppen und Organisationen in Betracht, die sich um eine bedeutende Verbesserung der „Mobilität“ – insbesondere um eine umweltgerechtere, sozialere oder einfachere Mobilität – verdient gemacht haben.

Die Satzung des Preises sieht vor, dass er nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern auf Vorschlag des Preisgerichts durch den Gemeinderat zuerkannt wird. 2011 ging der Preis an Shai Agassi für seine Arbeit im Bereich der Elektromobilität, 2013 erhielt Prof. José del. R. Millán für seine Forschung an Brain-Computer-Interfaces zur Steuerung von Mobilitätshilfen für bewegungseingeschränkte Menschen den Preis, 2015 war der dänische Stadtplaner Prof. Dr. Jan Gehl Preisträger. 2017 wurde mit World Bicycle Relief (WBR) erstmals ein Projekt ausgezeichnet, dessen Ziel die Entwicklung und der Verkauf eines robusten Lastenfahrrads ist, mit dessen Hilfe vielen Menschen in Entwicklungsländern ein schnellerer Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung ermöglicht wird.

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