Tesa-Rom: Eine „phantastische“ Technologie-Geschichte aus Mannheim

Die phantastischen Geschichten schreibt der Alltag. Auch die aus der Technologie: Es war im März 1998, kurz vor der Computermesse Cebit in Hannover, als die beiden Physiker Dr. Steffen Noehte und Matthias Gerspach in einem Labor der Universität Mannheim experimentierten. Sie waren schon seit längerem auf der Suche nach einer geeigneten Kunststoff-Folie, die sie als Speichermedium nutzen wollten. Bisher erfolglos. Eher aus Übermut legten sie Tesafilm unter den Laserstrahl. Tatsächlich, was ihnen mit den bisher verwendeten Materialien nicht gelungen war, eine handelsübliche glasklare Tesafilm-Rolle machte es möglich: Der Film konnte mit Laser beschrieben, die digitalen Informationen wieder gelesen werden.

Genauer: Bei einer Temperatur von 170 Grad belichtet der Laser winzige Punkte auf den Tesa-Film – durch alle Schichten der Rolle hindurch.

„Wir waren damals im Zwiespalt, ob wir die Entwicklung überhaupt veröffentlichen sollten“, erzählt Steffen Noehte. Als die Wissenschaftler dann über die Pressestelle der Mannheimer Universität eine Meldung herausgaben, dachten viele zuerst – es war Anfang April – an einen Scherz. Dann allerdings war die Nachricht von der Tesa-Rom nicht mehr zu halten, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch – wirklich – alle Medien. 300 Veröffentlichungen hat Steffen Noehte aus den ersten Monaten gesammelt. Vor allem ist er sehr froh, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, legt es auch anderen Entwicklern ans Herz: „Erst dadurch haben wir Partner gefunden.“ Rasch kam ein Angebot von der „European Media Laboratory“ (EML) der Klaus-Tschira-Stiftung. Zusammen mit der Universität Mannheim und der Tesa AG wurde das ungewöhnliche Speichermedium in der Villa Bosch, Sitz der EML, in Heidelberg weiterentwickelt. Ende 2001 gründete die Tesa AG, Hamburg gemeinsam mit den Wissenschaftlern die Tesa Scribos GmbH, Heidelberg.

Das umfunktionierte Klebeband kommt zweifach zum Einsatz – als kompaktes Speichermedium und als Hologramm. Klein, aber mit enormer Speicherkapazität kann die Tesa-Rom Aufgaben übernehmen, für die eine Compact Disc nicht geeignet ist. „Mit einem Durchmesser von 12 Zentimeter passt eine herkömmliche CD nicht in die Westentasche, auch nicht in Handys und Videokameras“, erläutert Steffen Noehte. Die Tesa-Rom hingegen ist nur einen Zoll – etwa 3 bis 5 Zentimeter – groß, dafür passen 3 Gigabyte Informationen auf die fünf Rollen des Films. Zudem hat sie eine überragende Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten. Sie kann also etwa auch dort zum Einsatz kommen kann, wo heute vorwiegend auf weniger beständigem Mikrofilm archiviert wird. Mit der Vermarktung liege man in den letzten Zügen, sagt Steffen Noehte, wolle eine oder mehrere Lizenzen verkaufen.

Der Holospot der Tesa Scribos ist bereits auf dem Markt – und sorgt für mehr Produktsicherheit. Dabei ist das Prinzip in etwa das Gleiche: Tesafilm wird mit Laser beschrieben, allerdings nur ein winziger Punkt – ein Quadratmillimeter, mit bloßem Auge gar nicht zu erkennen. Und der Spot fasst bis zu einem Kilobyte Informationen – Herstellerdaten, Seriennummer, Bilder. Bedeutend mehr als der herkömmliche Strich- oder Barcode. Beiersdorf beispielsweise versieht Nivea-Produkte für Russland mit dem Label. Produktpiraterie greife rasant um sich, unterstreicht Steffen Noehte. Das sei teuer – und gefährlich. Etwa bei Arzneimitteln. Es gebe massenweise gefälschte Medikamente – manche seien wirkungslose Placebos, manche enthielten sogar schädliche Substanzen. Der Holospot, auf dem draufsteht, was auch wirklich im Produkt drin ist, sei fälschungssicher, davon ist der Physiker überzeugt – eine gute Voraussetzung auch für den Einsatz auf Kreditkarte und Ausweis.
noehte

Früh hat sich der Physiker mit der Vermarktung technischer Entwicklungen auseinander gesetzt: „Es gibt theoretische Physiker, etwa Astronomen, die haben keinen Markt. Ich hatte sehr viel Außenkontakt, habe einen Blick für die Bedürfnisse und Ansprüche des Marktes bekommnen.“

Entwickelt wurde die Tesa-Rom an der Technischen Informatik (TI), Informatik V der Link öffnet neues Fenster: Universität Mannheim. Heute noch arbeitet Steffen Noehte eng mit der Schlosshochschule zusammen. Für den Lehrstuhlinhaber der TI, Professor Reinhard Männer, hat er viel Lob: „Aus der Technischen Informatik sind etliche Firmen hervorgegangen, die sich auch tragen.“ Überhaupt herrsche in Mannheim ein gutes Innovationsklima mit aktiven Förderern, dem früheren Uni-Rektor und heutigen Wissenschaftsminister Professor Dr. Peter Frankenberg etwa und dem Mannheimer Oberbürgermeister Gerhard Widder.

Seine Erkenntnis: Grundsätzlich brauchten Innovationen Mut und Förderung, Investoren aus der Wirtschaft und das Durchhaltevermögen aller Beteiligten. Wichtig: Heute müsse eine Erfindung immer international greifen, dürfe nicht regional oder national begrenzt sein.